FREISTAAT FLASCHENHALS

Viele von uns kennen den Freistaat Bayern oder den Freistaat Sachsen, aber nur die Wenigsten haben je vom Freistaat Flaschenhals und dessen grotesker Geschichte gehört, was um so mehr verwundert, da es sich um einen Landstrich ganz in der Nähe unserer Heimat handelt.
Wir schreiben das Jahr 1919. Im November des Vorjahres hatten Vertreter des deutschen Reiches einen Waffenstillstand unterzeichnet und nun mussten die Sieger in Versailles bei Paris im Rahmen eines Friedensvertrages die Welt neu ordnen. Die geschlagene deutsche Armee war inzwischen wieder nach Deutschland zurückgekehrt und stellte faktisch noch immer eine Bedrohung für die Sieger da. Also besetzten Diese alle Gebiete links des Rheines und teilten dort Besatzungszonen ein, sogenannte Brückenköpfe die dazu dienen sollten, im Ernstfall schnell, tief ins Herz Deutschlands eindringen zu können. Die USA besetzten Koblenz und Frankreich besetzte Mainz. Dann zog man mit dem Zirkel auf der Landkarte von beiden Städten aus einen 30 Kilometer Radius, übersah dabei aber, dass die Linien sich nicht exakt trafen, sondern ein Gebiet von mehreren Kilometern längs des Rheines einfach unberührt ließen. So gehörte dieses Gebiet zwar weiterhin zum unbesetzten Teil Deutschlands, war aber mangels der nötigen Verkehrsinfrastruktur nicht zu erreichen. Trotzdem nahmen sowohl Amerikaner als auch Franzosen umfangreiche Grenzsicherungen vor und schon bald war das unzugängliche Gebiet dessen Umrisse an die Form eines Flaschenhalses erinnerte, vollständig isoliert. Eisenbahnzüge fuhren ohne Halt durch. Auch eine Versorgung auf dem Wasser- oder Luftweg war nicht möglich. So konnten selbst elementare Wirtschaftsgüter wie Nahrungsmittel oder Brennstoffe nur illegal, beispielsweise durch Schmuggel, in die Region gebracht werden. Einmal wurde sogar ein mit Kohle beladener französischer Zug aus Rüdesheim entführt und in den Flaschenhals gefahren, um die Kohle zum Heizen unter die Bevölkerung zu verteilen. Schon nach kurzer Zeit hatte man eigenes Geld und eine eigene Post mit eigenen Briefmarken. Das Provisorium wurde schon bald rheinaufwärts wie rheinabwärts berühmt als Freistaat Flaschenhals. Mit dem Abzug der Besatzungsmächte 1924 wurden die früheren staatlichen Strukturen wieder aktiviert und der Flaschenhals hatte ausgedient.

 

KRIEG UM EINEN GROSSEN HAUFEN SCHEISSE

Im April des Jahres 1864 kam es zwischen den ehemaligen Kolonien Chile, Peru, Bolivien und Ecuador auf der einen und dem ehemaligen Mutterland Spanien auf der anderen Seite zu einer, auf den ersten Blick äußerst seltsamen militärischen Auseinandersetzung. Spanische Truppen besetzten die vor der Küste Perus liegenden Chincha-Inseln. Die drei Eilande entsprechen lediglich einer Gesamtfläche von einem Quadratkilometer, waren unbewohnt und ohne nennenswerte Vegetation. Aber an ihrer Küste bargen diese Inseln einen wahren Schatz, für den in dieser Zeit sensationelle Höchstpreise gezahlt wurde. Auf den steilen Klippen entlang der Küste türmte sich teilweise bis zu 40 Meter hoch, der Mist von Millionen Seevögeln der Region, für die die Inseln der einzige Anlaufpunkt waren. Durch die Kalksteinstruktur der Inseln in Einheit mit dem trockenen Klima und dem Bedürfnis der Vögel sich erleichtern zu müssen, bildete sich über Jahrtausende hinweg der Rohstoff Guano in seiner hochwertigsten Form. Dieser Guano war nicht nur als Dünger unerlässlich, sondern wurde auch als Salpeter bei der Herstellung von Munition und Sprengstoffen verwendet. Durch den US-amerikanischen Bürgerkrieg, die deutschen Einigungskriege und die Aufrüstung der übrigen Großmächte schossen die Weltmarktpreise in astronomische Höhen. Die Spanier konnten sich allerdings nur ein paar Monate halten und verließen die Inseln wieder, nachdem sie ihre Vormachtstellung auf See verloren. Peru hatte bis 1874 alle Vorkommen auf den Chinchas ausgebeutet, was aus heutiger Sicht geradezu rechtzeitig war, weil dem deutsche Chemiker Fritz Haber 1908 erstmals die Herstellung synthetischen Ammoniaks gelang und die Menschheit fortan nicht länger auf die Hinterlassenschaften von Möwen und Kormoranen vom anderen Ende der Welt angewiesen war.

 

SEXUAL HEALING
(Die unglaubliche Geschichte des Marvin Gaye)

Sein Produzent sagte über ihn er könne selbst das „Vater unser“ noch vor Erotik sprühen lassen und tatsächlich liegen in diesem kleinen Satz Triumph und Verhängnis im Leben des Marvin Gaye so nah beieinander wie in Wirklichkeit.
Bereits mit drei Jahren sang der kleine Marvin in der Kirche seines jähzornigen Vaters, eines baptistischen Predigers. Früh verlies er sein Elternhaus, um schon bald im aufstrebenden Music-Label Motown einen Vertrag zu unterzeichnen. Hier war er mit dem jungen Michael Jackson, Stevie Wonder und Diana Ross einer der meistverkauften Künstler. Im krassen Gegensatz zu seinem Erfolg steht Marvins Seelenleben. Seine Duett Partnerin Tammy Terrell kollabiert auf der Bühne in seinen Armen und stirbt mit 24 an einem Hirntumor – für Marvin ein schwer zu verkraftender Schlag. Außerdem zieht sich nach wie vor ein zermürbender Kampf gegen sein Gewissen und seinen Vater durch sein Leben. Zwischen Marvins oft tabulosen Texten und der auferlegten Frömmigkeit seiner Eltern herrschen drastische Diskrepanzen. Marvin ist schwer kokainabhängig und tritt kaum noch öffentlich auf. Auch seine beiden Ehen scheiterten. Sein Vater überschüttet ihn geradezu mit Vorwürfen. Gaye flüchtet sich 1981 vor den Anwälten seiner Ex-Frauen und der US-Steuerbehörde nach Europa und lebt im beschaulichen Oostende in Belgien. In den Bars und Kneipen der Stadt gibt er einige Konzerte, aber wichtiger noch, dort kämpft er erstmals erfolgreich gegen seine Kokainsucht an und schreibt mit Sexual Healing seinen erfolgreichsten Song. Er klärt Schuldenlage und kehrt in die USA zurück. Dort wird er am 1. April 1984 bei einem weiteren Streit von seinem eigenen Vater mit einer Pistole die er Diesem geschenkt hatte, erschossen. Ein Tag später wäre er 45 Jahre alt geworden.

Anspieltipps: Sexual Healing ++ Lets get it on ++ heard it through the grapevine ++ Ain’t no mountain

 

 

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