Zweifellos steht das Kopftuch als intensiver Gesprächsstoff hoch im Kurs. Sei es auf dem Arbeitsplatz, in der Schule oder in anderen öffentlichen Gebäuden. Es ist und bleibt stets ein unabdingbarer Bestandteil der Tageszeitungen und Klatschpresse in Deutschland. Untypisch ist jedoch die Oper als Ort für Polemik. Nun passieren ja meistens Dinge an den Orten, wo man es am wenigsten erwartet. So kam es also, dass ich Zeuge eines erschütternden, leider nicht einzigartigen Schauspiels wurde. Dabei sollte es ein wunderschöner und unvergesslicher Abend werden. Eine atemberaubende Inszenierung von Tschaikowskys märchenhafter Ballettkomposition Dornröschen mit einem phantastischen Bühnenbild und Kostümen, bei der man während der gesamten Vorstellung „Großartig!“ rufen möchte. Der Anlass war der Besuch meiner innigsten Freundin aus der Türkei, die zuvor noch keine Vorstellung dieser Art erfahren durfte. Umso beflügelnd für die Sinne und spannungsreich war die Erwartung an den Abend in der Deutschen Oper in Berlin. Eine Oase der Kunst und Kultur, frei von Kalamitäten und Arroganz.
So dachte ich zumindest bis meine Freundin, eine Kopftuchträgerin, von einer Frau wegen ihrer Kopfbedeckung attackiert wird. Mit der Begründung sie würde ja ihr die ganze Sicht auf die Bühne versperren. Vollkommen aus der Fassung meinte sie ein Kopftuch habe hier nichts zu suchen und fragte sich entgeistert, ob wir denn im Mittelalter leben würden. Ihre Begleitung äußert sich nicht und doch sagt ihr Schweigen viel. Für mich war dieser Abend in der Tat unvergesslich. Mir wurde vor Augen geführt mit welch abscheulicher Arroganz Menschen den Glauben an die Kunst als die essentielle Instanz der Verbundenheit und der Verständigung der Menschen, unabhängig der Religion und Nationalität, erschüttern/zerstören kann.
Und dennoch dürfen wir das Essentielle nicht aus den Augen verlieren: nämlich das wundersame Gegengift der Xenophobie: Empathie. Erreicht durch die Kunst. Denn; Kunst verbindet Menschen. Kunst schenkt Lebensfreude, erweckt Hoffnungen, Träume, unverborgene Wünsche, Kunst macht Menschen friedlich, erfüllt ihn mit Lebensinhalt, Kunst bedeutet Innovation, bedeutet Unabhängigkeit, ist unstillbares Bedürfnis. Bedürfnis nach einem besseren, mit Freude und Hoffnung gesättigten Leben. Kunst schafft Verbundenheit, schafft Verständigung, schafft Abwechslung. Kunst bietet Sicherheit, bedeutet Identität. Bedeutet Leben. Wir brauchen Kunst zum Leben wie das Fließen des Blutes in den Gefäßen unseres Körpers. Wie die Luft zum Atmen. Wir brauchen Kunst, um Schönheit, Wahrheit, das Gute zu entdecken, um uns und unsere Mitmenschen zu besseren Menschen zu machen. Wir brauchen Kunst, um uns von unserer gewissenlosen, von Arroganz und Xenophobie verpesteten Umgebung abzukapseln. Wider allen Menschen, die blind vor Angst, vor Intoleranz, vor Hass sind. Durch Verbundenheit und empathisches Miteinander. Vor allem aber durch Kunst.

 

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