Im Interview: Ernst Knopp
Mitmachen. Mitgestalten. Zusammenleben

Es ist ein schöner, sonniger Sonntagmorgen.
Die Arbeitswoche ragt wieder tief ins Wochenende hinein. Den ersten Morgenkaffee muss ich leider auch auf später verschieben. Mich begleitet irgendwas zwischen Stress und Vorfreude. Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, ich wäre nicht aufgeregt, denn es ist das erste Interview für unser Magazin. Doch es soll sich noch als ein gemütlicher Vormittag herausstellen, der zudem bestätigen soll, dass wir auf dem richtigen Weg sind.
Wir sitzen im Klein´s Backstüffje mitten in der Koblenzer Altstadt.
Mein Interviewpartner, niemand geringerer als Ernst Knopp, Mitglied des Koblenzer Stadtrats. Vollblut- Koblenzer und engagierter Politiker. Ein Mann, der bekannt dafür ist, bei Bürgerfragen auch selbst mit anzupacken. Ein Problemlöser, wo er kann.
Mir sitzt ein Politiker gegenüber, der Zahlen und Fakten kennt, der die Gesichter kennt, die hinter Problemen stecken.

Hallo Herr Knopp, Sie sind in Ihrer Kolumne auf unser Wahlsystem eingegangen und haben es im Detail beschrieben. Denken Sie, dass es hier Defizite bei den Wählern gibt?

Grundsätzlich ist unser Wahlsystem relativ einfach. Relativ einfach bedeutet aber nicht, dass es wirklich von jedem verstanden wird. Ich bin seit 20 Jahren Wahlhelfer und Wahlvorsteher und habe die Erfahrung gemacht, dass es immer noch verunsicherte Wähler gibt, die nicht wissen, wo welches Kreuz hinkommt, oder welche Personen hinter welchen Parteien stehen.

Wo entstehen denn diese Wissenslücken? Ist es das Desinteresse, oder finden Sie, dass die Schulen nicht ausreichend genau darauf eingehen?

Eine Auffrischung sehe ich immer, als angebracht. Sicherlich ist bei Schulabsolventen noch vieles vom Sozialkundeunterricht hängengeblieben, und regelmäßige Wähler finden sich auch gut zurecht. Doch meine Beobachtungen als Wahlhelfer sind dahingehend, dass viele Bürger Schwierigkeiten damit haben, Erststimme und Zweitstimme korrekt einzuordnen.

Da wir ja ein Magazin sind, dass speziell auch Themen behandelt, die Menschen mit Migrationshintergrund betreffen, wo sehen sie diese Menschen hinsichtlich dieser Problematik?

Leider Gottes ist die Wahlbeteiligung unserer Bürger mit Migrationshintergrund proportional geringer, als die bei Wählern ohne Migrationshintergrund, obgleich sie Teil unserer Gesellschaft sind, und sie das Recht haben unsere Gesellschaft mitzugestalten. Das kann man unter anderem damit tun, indem man sein Wahlrecht auch nutzt.

Ist denn generell eine wachsende Politikverdrossenheit zu
erkennen?
Wie sieht allgemein die Wahlbeteiligung aus, wenn man vergangene Wahlen
betrachtet?

Man sieht ja, dass z.B. bei den Landtagswahlen im Saarland oder NRW, die Wahlbeteiligungen sogar gestiegen sind. Ich denke man interessiert sich wieder mehr für Politik, gerade weil auch die Politik mit den Ausreißern nach Links und Rechts immer mehr in die Extremen geht. Da sind jetzt viele Menschen wach geworden, die klarstellen wollen: Das wollen wir nicht.
Die Extremen sorgen also für höhere Wahlbeteiligungen, einzig positiver Nebeneffekt dieses neuen Phänomens. Doch woher kommt die wachsende Enttäuschung gegenüber der bürgerlichen Parteien? Ist dieses Nicht-Verstanden-Sein, ein Ergebnis der Bundespolitik? Wo steht da die Kommunalpolitik, der Stadtrat, der Bürgermeister?

Sie werden als Politiker nie eine Entscheidung treffen, die alle Bürger begeistert. Weder in der Kommunalpolitik, noch auf Bundesebene. Erinnern wir uns mal an die BUGA, erst waren die meisten dagegen, hinterher fanden es fast alle gut. Wichtig ist hier, dass man zusammenarbeitet, miteinander statt gegeneinander. Politik für Menschen, statt gegen Menschen. Da hat die Kommunalpolitik es vielleicht einfacher, weil der Bezug zum einzelnen Bürger nicht so weit entfernt ist, wie auf Bundesebene.
Dennoch ist Politik ein Geschäft von Mehrheiten. Mehrheiten bestimmen den Weg, wo es hingeht. Minderheiten gehören natürlich geschützt und sollen nicht benachteiligt werden, aber die Marschroute bestimmt eben die Mehrheit. Es ist schwierig. Natürlich sind diejenigen lauter, die sich benachteiligt fühlen. Das verzerrt auch ein wenig das Bild.

Da wir gerade auch über Minderheiten sprechen. Wir haben einen hohen türkischstämmigen Migrationsanteil in Deutschland. Schnell sind wir da bei dem Thema Integration, was eigentlich an Aktualität nie verliert. Gerade vor Wahlen spricht man oft von Integrationskonzepten. Neulich wurde in Mainz ein weiteres Integrationskonzept präsentiert, von denen man inhaltlich nicht viel mitbekommt. Wie sehen Sie das?

Noch kurz zur Klarstellung, wenn ich von Minderheiten spreche, sind nicht ethnische Minderheiten gemeint, sondern Meinungsminderheiten. Es geht nicht darum, dass wir eine bestimmt ethnische Minderheit weniger vertreten
und betreuen.
Wenn man jetzt die Integrationskonzepte angeht, muss man eindeutig eingestehen, dass die Bundesrepublik Deutschland die letzten 40 Jahre verschlafen hat. Man hatte für den Gastarbeiter gar keine Integration vorgesehen. Man ist davon ausgegangen, dass er nach verrichteter Arbeit wieder in seine Heimat zurückkehren wird. Heute sehen wir eine Zuwanderung, auf die ich anders agieren und reagieren muss. Wir müssen gemeinsam an einem Konzept arbeiten, das uns ermöglicht, zusammen zu leben. Das geht nicht einseitig. Wir müssen dafür sorgen, dass Werte, die unsere Gesellschaft ausmachen, vermittelt und gelehrt werden.

Wir reden schon wieder über Konzepte, aber was beinhalten die denn?
Es gibt 3 Millionen türkischstämmige Menschen in Deutschland. Ein großer Teil davon gilt immer noch, als nicht integriert, zumindest wird es politisch so dargestellt. Sollten solche Konzepte nicht besser auf kommunaler Ebene und projektbasiert stattfinden?

Absolut. Man kann nicht von oben ein Integrationskonzept aufoktroyieren, es muss von unten gelebt werden. Dazu ist auf kommunaler Ebene auch ein Beirat für Migration und Integration etabliert. Lange Jahre von Vito Contento, jetzt von Serkan Genc geführt. Dort werden Angebote geschaffen, um viele Probleme zu erkennen und sich damit auseinanderzusetzen. Integrationsmaßnahmen machen auch nur dann Sinn, wenn ein dauerhaftes Bleiberecht in Aussicht steht.

Lassen Sie uns mal auf die Menschen konzentrieren, die tatsächlich schon seit 30 Jahren hier leben. Wie kriegen wir die denn dazu, sich als Koblenzer zu identifizieren? Es ist nicht selten, dass man den Namen einer Provinzstadt hört, wenn man junge Türken danach fragt, wo sie herkommen. Was ist das schief gelaufen? Was kann man da wie ändern?

Mitmachen ist das Stichwort. Gemeinsam Freizeitaktivitäten ausüben, zusammenleben, aufeinander zugehen und gerade hier im Rheinland, gemeinsam feiern. Das ist meines Erachtens der Schlüssel zum Kennenlernen. Damit sind nicht nur religiöse Feierlichkeiten gemeint, sondern auch die Einbindung an unser Brauchtum, wie Karnevalsvereine, Gesangsvereine, Kirmesgesellschaften. Im Sport funktioniert es ja wunderbar. Seine Herkunft muss niemand leugnen, dafür gibt es auch viele Beispiele von Deutschen, die im Ausland, z.B. in den USA, leben. Die fühlen sich heute noch als Deutsche, sind aber fester Bestandteil einer amerikanischen Gesellschaft.

Was könnten wir denn lokal, hier in Koblenz in Angriff nehmen? Wir nehmen nicht wieder die Brechstange in die Hand und nennen es Integrationskonzept X. Da packen wir jetzt an, das gehört zu unserem Brauchtum, das zeichnet unsere Stadt aus, da versuchen wir Menschen mit einzubinden.

Karneval zum Beispiel. Ich bin auch Pressesprecher der Arbeitsgemeinschaft Koblenzer Karneval. Wir haben uns in den letzten Jahren auch Gedanken gemacht, wie man die türkische Gemeinde mit einbinden kann, sich zum Beispiel am Koblenzer Rosenmontagszug zu beteiligen. Da hat es Gespräche gegeben, die müssten natürlich vertieft werden. Das wäre schon mal ein Erster Schritt des aufeinander Zugehens.

Wie sähe da die Unterstützung seitens der Karnevalsvereine aus?

Da muss man sich konkret zusammensetzen und herausfinden, wo Hilfestellung benötigt wird. Ist es jetzt die Hardware, wie zum Beispiel die Wagen, oder Software, wie zum Beispiel die Idee? Da sind wir offen. Am Anfang muss aber das Interesse stehen.

Sehr gut. Vielleicht wird ja was daraus. Da bleiben wir mal dran… Vielen Dank für Ihre Zeit und das Interview!

Ich danke Ihnen, gerne wieder.

Bildquelle: privat