Der Schängelbrunnen ist es. Die „plauschenden Steine“ auf dem Friedrich-Ebert-Ring gehören ebenso dazu, wie die „Orte der Kinderrechte“. Sie alle sind „Kunst im öffentlichen Raum“. Eine Gesellschaft, eine Stadt kann sich auch durch öffentlich ausgestellte Kunst definieren und dieser Tage ist eine weitere Skulptur an die Stadt Koblenz übergeben worden. Sie trägt den passenden Namen „Confluentia“. Ebenso spannend wie das Kunstwerk selbst, ist dessen Entstehungs- und die Lebensgeschichte der Künstlerin!

1920 wurde in Koblenz in der Familie Pollack das dritte Kind zur Welt gebracht. Pollacks waren angesehene Kaufleute, die seit Generationen schon ein berühmtes Textilhaus an der Löhrstraße führten. Bis vor Kurzem verkaufte „ZARA“ dort modische Trends. Aber in der damaligen Zeit machte eine Tatsache der Familie Pollack das Leben schwer: Ihr Glauben. Wenngleich keine streng gläubigen Juden, so waren die bewegten Jahre ab 1933 ein Problem für die Familie und die Kinder wurden dann 1937 nach Berlin geschickt. Dort konnten sie ihren künstlerischen Neigungen nachgehen. Jacqueline Diffring, so wie das dritte Kind der Familie nun hieß, schlug den Weg der bildenden Künstlerin ein. Ihr Bruder Anton wurde Schauspieler, der sowohl im Exil, als auch im Nachkriegsdeutschland Erfolge feierte.
Was in Deutschland von 1933-1945 passierte, erlebte Jacqueline dann im Exil in London, wohin sie 1939 emigrierte und was ihr den Weg zurück in ihre Geburtsstadt nach dem Krieg erschwerte. Ihr Vater überlebte den
Holocaust an den Juden, eröffnete wieder das Textilhaus und so musste die Jüngste wieder nach Koblenz heimkehren um mit anzupacken beim Wiederaufbau. Auch hier erlebte sie keine schöne Zeit und erst als sie Anfang der 1960er Jahre nach Südfrankreich übersiedelte, begann ihre Schaffenskraft Flügel zu bekommen.

2007 titelte „DER TAGESSPIEGEL“ in Berlin, Diffring sei „die Hüterin der Moderne“. Was kann man darunter verstehen? Nun, nach den Lehrjahren an der Reimann-Schule in Berlin, konnte sie in London 1946 eine Kunstausbildung am „Technial College Cambridge“ absolvieren. Zudem studierte sie Bildhauerei an der Chelsea School of Art und einer ihren wichtigsten Lehrer war Hery Moore. Eine seiner Plastiken schmückt noch heute das ehemalige Bundeskanzleramt in Bonn. Diffring ist eine der wenigen Frauen die sich erfolgreich in der Kunstwelt einen Namen machen konnte und die renommierte Kunst in den Galerien und Museen weltweit ausstellte.

Warum dies alles nun für Koblenz relevant ist? Zuletzt wurden ihre Kunstwerke 1978 in Koblenz ausgestellt, erst über 35 Jahre späte wurde 2014 in Rheinland-Pfalz erstmals wieder ihre Kunst im KunstKabinett im Turm durch Galerist Wolfgang Thomeczek in Erinnerung gebracht. Hier kreuzte sich dann der Weg mit dem Autor dieser Zeilen. Nicht durch Zufall, sondern mit der Aufforderung der kulturpolitischen Sprechers der SPD-Landtagsfraktion, Manfred Geis, „Ihr Koblenzer müsst etwas wiedergutmachen!“.
Gesagt – getan, denn die Begegnungen mit der Künstlerin waren stets inspirierend und zeigten wie stark man mit über 90 Lebensjahren noch in Schaffenskraft und Willensstärke sein kann. So kam es, dass bereits im Jahr 2015 die Stadt Koblenz der weltweit angesehenen Tochter der Stadt den Kulturpreis verleihen konnte. Bei der Feierstunde im Theater Koblenz rührte Diffring die Festgesellschaft zu Tränen, als sie exakt erinnerte, welche Sitzplätze ihre Familie im Theater stets buchte und wie oft und wie gerne sie Schauspiel, Musiktheater und Oper im altehrwürdigen Musentempel besuchte. Auch allein.
Doch es sollte nicht allein bei der Ehrung bleiben, auch eine Ausstellung über das reichhaltige Wirken und Werk von Jacqueline Diffring sollte die Erinnerung wieder erwecken. 2016 wurde im wunderbaren Kulturbau und dem dortigen Mittelrhein-Museum eine Retrospektive eröffnet, die das Gesamtwerk wunderbar darstellte.
Eigens für diese Ausstellung und vielleicht auch aufgrund der überraschenden und positvien Begegnungen, auch mit vielen jungen Koblenzern ein Jahr zuvor, entwickelte Diffring den Wunsch und Willen ein eigenes Kunstwerk zur Ausstellung zu schaffen: „Confluentia“.

Es wird wohl ihr letztes Kunstwerk sein, da sie mit nunmehr 97 Jahren leider gesundheitlich angegriffen ist. Umso ist es auch eine Auseinandersetzung mit ihrem Leben und der Stadt in der sie geboren wurde. Zwei solitär stehende Blöcke neigen sich einander zu. Es könnten Tänzer auf der Bühne des Theaters sein, aber eben auch die Künstlerin und ihre Geburtsstadt. Zaghaft wurden die Bande wieder geknüpft, denn große Skepsis begleitete sie anfangs, als Koblenz sich ihrer wieder erinnerte. Zu fremd war ihr die Stadt geworden, nach den unbegreiflichen Taten der Nationalsozialisten auch gegen ihre Familie. Aber dennoch arbeitete sie sich am Erlebten ab und so hat sie ein symbolträchtiges Werk geschaffen, was wie eine Autobiografie wirkt. Aus einem inneren Tatendrang heraus hat Diffring stets Gefühle und Erlebnisse in Formen übersetzt. Die Arbeit an der „Confluentia“ war ein fordernder und langer Schaffensprozess.

Als Glanzlicht der Retrospektive 2016 im Mittelrhein-Museum, wuchs der Wunsch der Besucher wie auch der Freund der Kunst in Koblenz, dass diese Skulptur in Koblenz bleiben kann. Aus eine Idee wurde schnell eine Bewegung die rasch Geschwindigkeit aufnahm. In Absprache mit der 2007 gegründete Diffring-Foundation wurde durch die Freunde des Mittelrhein-Museum und Ludwig Museum Koblenz e.V. eine Edition herausgegeben. 25 kleine „Confluentia“ wurden verkauft, um den Ankauf der großen Skulptur für alle Schängel und Besucher der Stadt möglich zu machen. Jetzt wurde der städtischen Kunstsammlung die Bronzestatur übergeben. Ein Geschenk von Bürgern für Bürger, geschaffen von und gewidmet für eine Koblenzerin die ihre Stadt verlassen musste und im Lebensabend doch noch einmal versöhnlich mit ihnen zusammen gekommen ist.

Jetzt ist die Frage, wo wird die Skulptur, die für die Öffentlichkeit gemacht ist ihren endgültigen Standort findet. Der Kreis schließt sich, Diffring kommt wieder nach Koblenz. Richtig wäre es, „Confluentia“ dort zusammenfließen zu lassen, wo sich Jacqueline am Wohlsten an Rhein und Mosel fühlte: Vor ihrem geliebten Stadttheater am Deinhardplatz. Vielleicht kann dieser letzte Wunsch erfüllt werden und eine spannende Lebensgeschichte erhält ein letztes Kapitel über Zusammenfließen und Zusammenfinden in bewegten Zeitung. Erinnerung und Mahnung für uns alle zugleich.

 

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