Das erste Mal, als ich Wolfgang Stahl begegnete, war er einer jener Studenten, die sich in meiner Bar in Massen tummelten. In der Regel dauerte es einige Zeit, bis sich der Umgang von förmlich auf vertraulich änderte und so war dies auch im Umgang mit Wolfgang Stahl nicht grundsätzlich anders. Im Prinzip waren die Attribute die ihn heute auszuzeichnen scheinen, schon damals leicht erkennbar. Ein selbstbewusster, gepflegter junger Mann, Haarschnitt und Outfit grundsätzlich ordentlich, mit einem guten Musikgeschmack, der auch nach einem guten Dutzend Becks noch immer Herr seiner Sinne war und sich auch dann noch unter Kontrolle hatte. Ich erinnere mich nicht mehr ob er seine heutige Frau bei mir kennenlernte, zumindest jedoch gehörte sie als Studentin ebenfalls zu jenem Kreis, wie kann es in einer mittelgroßen Stadt wie Koblenz auch anders sein, die ich regelmäßig begrüßen durfte und zu denen sich dann auch irgendwann ein Verhältnis aufbaute.

Ein guter Barkeeper sollte in der Lage sein, sich eine Art Datenbank in seinem Hirn aufzubauen, deren grober Inhalt sich neben den Trinkgewohnheiten, auch auf Details erstreckt, wie grundsätzliche gesellschaftspolitische Ausrichtung. Einfacher formuliert sollte ein guter Barkeeper stets realistisch einschätzen können „wer kann mit wem“, zufällig nebeneinander am Tresen, im Raum oder auch beim zufälligen Aufenthalt auf der Toilette. Auf diese Weise reduzieren sich Konfliktpotentiale. Wolfgang Stahl konnte mit Allen und Jedem. ER war im etwas libertären Umfeld seiner späteren Frau ebenso geachtet, wie in den konservativen Kreisen um seinen späteren Partner von Dehringer.

Als Stahl im Herbst 2011 das Mandat für Beate Zschäpe im NSU-Prozess übernahm, hatte ich bereits meine Kneipenkarriere an den Nagel gehängt und befand mich gerade in Afrika. Ich erinnere mich, zwar überrascht gewesen zu sein, dass ausgerechnet ein Strafverteidiger aus Koblenz hinzugezogen wurde, nicht aber dass es sich dabei um Wolfgang Stahl handelte, dem ich dies fachlich absolut zutraute. Was mich wiederum wunderte und bis heute wundert, war die Tatsache, dass er dies als Pflichtverteidiger tat, also finanziell auf einem Level auf dem der Sportwagenliebhaber eigentlich nicht einmal einen Bleistift anspitzt um eine Aktennotiz zu vermerken. Das dies im Umkehrschluss bedeuten würde, dass sich hinter jenem unterbezahlten Engagement folglich Gesinnungsgleichheit oder Ähnlichkeit verbergen müsse, kam mir aber nicht einmal ansatzweise in den Sinn.

Ende Juli 2018 kam mit der Urteilsverkündung der NSU-Prozess zu seinem Ende. Für die ARD Anlass genug eine Doku zu senden, die sich mit den Anwälten des Prozesses beschäftigte. Darin auch ein Interview mit Stahl, in eben meiner damaligen Bar, lässig beim Feierabendbierchen. Für eine Menge Leute schien dies Grund genug, mich über die verschiedensten Kanäle darauf hinzuweisen. Ein paar dieser Hinweisgeber versahen ihr Statement denn auch gleich mit dem Zusatz „da könne man dann ja auch nicht mehr hingehen, wenn sich da jetzt Nazis und deren Gesinnungsgenossen tummelten“.

Für mich war dies das erste Mal, dass diese Kombination „Stahl = Nazi (Kollaborateur)“ überhaupt meinen gedanklichen Kosmos berührte und mit der gleichen Lichtgeschwindigkeit wie es dort Einzug gehalten hatte wieder verworfen wurde.

Ganz im Gegensatz zu den RAF-Prozessen der ersten und zweiten Generation, wo die politische Nähe von Anwälten wie Klaus Croissant, Kurt Groenewold und Christian Stroebele zu ihrer Mandantschaft kontrovers diskutiert wurde, handelt es sich bei den Verteidigern im NSU-Prozess um Pflichtverteidiger im klassischen Sinne. Womit auch die Mär um die Namen der drei Protagonisten nachhaltig zerstört wäre und lediglich Germanisten als Fallbeispiel über die Belastung von Sprache durch Ereignisse dienlich sein kann.

Der Ablauf in der Vorbereitung auf den NSU-Prozess war offenkundig die Annahme des Mandats von Rechtsanwalt Heer als Pflichtverteidiger, der seinen ehemaligen Kommilitonen Stahl und später seine Kollegin Sturm hinzuzog.

Es ist fraglos eine Errungenschaft eines jeden demokratischen Systems, wenn jedem Angeklagten bestmögliche Verteidigung zusteht und es obliegt der Staatsanwaltschaft die Beweislast gegen den Angeklagten ins Feld zu führen und den Richtern in Abwägung von Pro und Contra ein gerechtes Urteil zu fällen. Sympathie oder gar Moral sollten bei keiner der Parteien eine Rolle spielen, nicht zuletzt, weil sie eben nicht selbst betroffen sind. Sondern lediglich kompetente Werkzeuge des Systems, der Pflichtverteidiger für den Angeklagten, der Staatsanwalt für die Kläger und der Richter für die Gesellschaft. Ich denke das größte Problem bei dieser Rollenverteilung stellte im Zschäpe-Prozess die Staatsanwaltschaft dar, der es nicht gelang oder gelingen wollte, die Verwicklung des Verfassungsschutzes zu durchleuchten, mitnichten aber den Verteidigern.

In diesem Sinne obliegt es mir als Kommentator, jenen die den Rechtsanwalt Wolfgang Stahl auch nur in die Nähe faschistischer Kreise rücken zu wollen, zu entgegnen: Wolfgang Stahl ist mein Freund und der wäre er nicht, wenn er ein Nazi wäre.

 

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