Der Volksmund bemächtigt sich in unseren Gefilden gerne des Beispieles, von dem Sack Reis der in China umfällt, um auszudrücken, wie wenig interessant ein Ereignis in der Ferne zu sein scheint, wenn sich dessen Belanglosigkeit sowohl in der Entfernung vom Betrachter als auch in der Quantität des Ereignisses niederschlägt. Auf den ersten Blick scheint die Allegorie treffend zu sein, besteht doch tatsächlich nicht der geringste Zusammenhang zwischen dem Leben in Europa oder an den Ufern rechts oder links des Rheines und der unsachgemäßen Lagerung einer relativ kleinen Einheit eines Grundnahrungsmittels für 1,4 Milliarden Chinesen. Jedoch sagt das Beispiel wenig darüber aus, welche Auswirkungen das Ereignis tatsächlich auf uns und unser Leben haben kann, sondern lediglich für wie interessant wir es erachten.
Nimmt man die Chaos-Theorie des Meteorologen und Mathematikers Edward Lorenz als Grundlage dieses Gedankens, können schon kleinste Ereignisse, wie der Flügelschlag eines Schmetterlings in absehbarer Zeit am anderen Ende der Welt einen Sturm auslösen.
Obwohl höchstwahrscheinlich vielen Lesern eine solche Verkettung von Ereignissen suspekt erscheinen mag, muss man nicht besonders tief graben, um besonders im historischen Kontext Ereignisse zu finden, deren Losgelöstheit voneinander, sich in der geschichtlichen Rückbetrachtung, sehr wohl in Bezug setzen lassen.
Einige dieser Beispiele ereigneten sich im April 1968, also vor genau fünfzig Jahren und ihre Schockwellen sind unbestritten noch bis in unsere Zeit spürbar.
Am 4. April 1968 stirbt der US-amerikanische Bürgerrechtler Martin Luther King durch die Kugel eines Attentäters. Dem Mörder, dem Kleinkriminellen James Earl Ray, gelingt zunächst die Flucht, wird aber dann doch verhaftet, gesteht die Tat, um das Geständnis schon bald zu widerrufen und stirbt schließlich Jahrzehnte später im Gefängnis. Die Tat selbst führt zu wochenlangen, gewalttätigen Unruhen in der vom Vietnamkrieg ohnehin gespaltenen Nation und der Tathergang ist in der Folgezeit Anlass zu allerlei Spekulationen und Verschwörungstheorien. Unbestritten ist aber die Initialzündung diese Ereignisses für weitere vergleichbare Ereignisse in den folgenden Wochen und Monaten des Jahres 1968.
Obwohl an sich ein isoliertes Ereignis, bei dem im entfernten Amerika ein Rassist den Führer der Bürgerrechtsbewegung zur Gleichbehandlung Farbiger ermordet, etwas das in der Bundesrepublik Deutschland des gleichen Jahres, ob der Gewalt der Tat und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft in den USA zwar überraschte, gleichwohl aber keinerlei Bezug auf den Alltag und die Probleme in Deutschland zu haben schien, ist es nicht von der Hand zu weisen, dass sich in Berlin zum Zeitpunkt des Attentats auf Dr. King der Hilfsarbeiter Josef Bachmann darin bestätigt sah, dass es Zeit zu handeln wäre.
Am Am 11. April 1968 wartete Bachmann mit zwei Pistolen bewaffnet in der Nähe des SDS-Büros auf dem Kurfürstendamm in Berlin auf den Studentenführer Rudi Dutschke. Er beschimpfte ihn als „dreckiges Kommunistenschwein“ und feuerte drei Schüsse auf Dutschke ab. Spätestens jetzt haben die Schockwellen ausgehend von den Ereignissen in Memphis, Tennessee die deutsche Wirklichkeit erreicht. Dutschke, der zweimal in den Kopf getroffen wird, überlebt schwer verletzt und braucht Jahre um wieder sprechen zu können. Die Bewegung, deren Kopf er war, zerfällt. Ihre Mitglieder tauchen bald in der deutschen Parteienlandschaft auf oder im Linksterrorismus unter. Das Attentat auf Rudi Dutschke hinterlässt somit eigene Schockwellen die in unserem Land unter dem Begriff 68er bis heute in vielfältiger Weise spürbar sind. In den USA wiederum gipfelt die Gewaltbereitschaft in der Ermordung des Präsidentschaftskandidaten Robert F. Kennedy fast genau zwei Monate nach dem Attentat auf Dutschke.

 

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